Geschichte schliessen

«In den letzten Kriegsmonaten sind fast jede Nacht Bomben gefallen.»

Frau Mai

Meine schönste Erinnerung ist sicher diejenige meiner zweiten Hochzeit. Vorher war mein Leben turbulent und schwierig. Mit meinem zweiten Mann erfuhr ich zum ersten Mal Geborgenheit und Friede. Er hat auch meinen Sohn, der damals zwölf Jahre alt war, gleich von Anfang an akzeptiert und gern gehabt. «Womit kann ich dir eine Freude machen?» war so ziemlich die erste Frage, die er meinem Sohn gestellt hat. Dieser wollte schon lange mal in den Basler Zoo. Also sind wir noch am gleichen Tag nach Basel gefahren und haben den Zoo besucht. Von da an waren wir eine Familie.

Meine Mutter hat meinen Vater und mich verlassen
Mit 65 Jahren habe ich zum ersten Mal in meinem Leben das Meer gesehen. Das ist auch so eine schöne Erinnerung. Es war wie ein Wunder für mich, diese Weite und dieses viele Blau.Vorher verbrachten mein Mann und ich die Ferien stets in den Bergen. Wir liebten es zu wandern. Doch diese ersten Meerferien sind mir unvergesslich. Wir waren auf Kreta, wo wir danach noch weitere Male waren.

Aufgewachsen bin ich auf einem Bauernhof in Österreich, in der Nähe von Graz. Meine Mutter hat meinen Vater und mich verlassen, als ich noch ganz klein war. Sie hat sich scheiden lassen und ist in die Schweiz gezogen, um dort zu arbeiten. Ich verstehe bis heute nicht, wie eine Mutter ihr Kind einfach so zurücklassen kann. 

So bin ich bei meinem Vater aufgewachsen. Es war Krieg damals, und in den letzten Kriegsmonaten sind fast jede Nacht Bomben gefallen. Ich habe noch immer das Heulen der Sirenen in Erinnerung und wie wir wieder in den Keller hinunter hasteten. Wenn heute im Fernsehen Bilder aus Syrien gezeigt werden, muss ich immer abstellen. Ich ertrage es einfach nicht, dass sich all das Elend wiederholt!

Mein Vater ist in den letzten Kriegsjahren eingezogen worden und auf dem Feld gefallen. Damals war ich neun. Das Fürsorgeamt hat daraufhin meine Mutter benachrichtigt. Sie hat mich dann zu sich genommen, in ihre neue Familie. Sie war wieder verheiratet und hatte einen Sohn, meinen Stiefbruder. Später kam dann noch eine Stiefschwester dazu.


Mein Stiefvater entpuppte sich als guter Mann

Das Verhältnis zu meiner Mutter war nicht ungetrübt. Die Tatsache, dass sie mich verlassen hatte, stand immer zwischen uns. Es ist wie mit einer zerbrochenen Tasse: Sie kann wieder zusammengeleimt werden, doch den Riss sieht man immer.

Mein Stiefvater entpuppte sich als guter Mann, der mich wie eine Tochter geliebt hat. Es entstand eine ähnliche Situation wie viele Jahre später bei meinem zweiten Mann und meinem Sohn. So hat sich der Kreis wieder geschlossen.